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„Es gibt nichts Langweiligeres als Perfektionismus“

Interview mit Dr. Donato Acocella, Experte für Stadt- und Regionalentwicklung

Herr Dr. Acocella, woran liegt es, dass in Deutschland viele Bauvorhaben wie Flughafen BER oder Stuttgart21 viel länger dauern und teurer sind als eigentlich vorgesehen? Ist das ein typisch deutsches Phänomen?

Warum das BER und S 21 läuft, wie es läuft dürfte nicht so einfach zu beantworten sein und ich habe auch nicht genug Einblick. Aber grundsätzlich sind die Gründe für lange Planungsprozesse allgemein sind vielschichtig. Der Vize-Europachef eines bekannten Einzelhandelsunternehmen hat mal bei einer Veranstaltung in Berlin gesagt: Die Planungsprozesse in Deutschland sind nervig, aber sie sind transparent und nachvollziehbar. In anderen Ländern weiß ich nicht, wann die Entscheidung kommt und warum sie so getroffen wurde. Einerseits ist dies für Immobilienprojektentwickler und Investoren eine schwierige Situation, da jeder Tag, der so vorbei geht, Geldverlust bedeutet. Andererseits sind die heutigen Genehmigungsverfahren für alle gleich, so dass im Sinne der Transparenz kein Wettbewerbsnachteil entsteht.

Sie kommen aus Baden-Württemberg und beschäftigen sich seit den 90er-Jahren bundesweit mit der Entwicklung von Städten. Mögen Sie Berlin genau so wenig wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer?

Nein, ich komme gerne nach Berlin und kann nicht bestätigen, dass ich mit Ankunft in Tegel den funktionierenden Teil Deutschlands verlasse. Hier bin ich immer mit der U-Bahn unterwegs: auf drei Stationen sehe ich so viele unterschiedliche Leute, die ich das ganze Jahr über nicht in meiner Heimatstadt finde. Diese gesellschaftliche Vielfalt gefällt mir genauso wie das Unfertige dieser Stadt. Natürlich kann man immer meckern, dass Berlin dieses und jenes Problem hat, aber genauso stelle ich mir eine Metropole vor. Es gibt nichts Langweiligeres als Perfektionismus.

Gehen Sie hier auch einkaufen oder erledigen Sie Ihre Einkäufe lieber online?

Ich bin kein Online-Shopper. Ich sitze den ganzen Tag am PC, dann muss ich nicht noch abends vor dem Rechner hocken. Ich gehe gerne dort einkaufen, wo ich überschaubare Strukturen vorfinde und gut beraten werde. In Berlin bin ich überwiegend beruflich, wenn ich Zeit habe gehe ich dort hin, wo ich es spannend finde, es eben anders als zuhause ist – aber eher zufällig und an keinem konkreten Ort.

Ein aktueller Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt auf der Erstellung von Konzepten für die Revitalisierung von bestehenden Einkaufsstraßen und Shoppingcentern zum Wohl der Stadt und der Betreiber. Wie bewerten Sie das HGHI Projekt Gorkistraße in Tegel?

Es kommt nicht so oft vor, dass ein Projektentwickler und Investor eine gesamte Fußgängerzone umfassend modernisiert und sogar erweitert. Da eine öffentliche Straße immer aus baulicher und gestalterischer Vielfalt besteht, ist es wichtig, dass unterschiedliche Architekturstile miteinander verbunden werden und auf dem Bestehenden aufgebaut wird; am wichtigsten ist jedoch, dass öffentlicher Raum öffentlich bleibt – das Projekt Gorkistraße kann gut werden. Man kann zum Rekonstruktivismus stehen, wie man will, gestalterisch ist ein gelungenes Beispiel für die Erneuerung des Bestehenden auch die neue Frankfurter Altstadt, die mit ihren Sandstein-, Fachwerk- und Putzfassaden aus dem Mittelalter rekonstruiert wurde; man wird allerdings sehen müssen, ob das so funktioniert.

Was macht den Einzelhandelsstandort Berlin aus Ihrer Sicht aus? In welchen Stadtteilen sehen Sie Handlungsbedarf?

Die Frage lässt sich so einfach nicht beantworten, da die Shoppingcenterstruktur in Berlin so facettenreich wie die Stadt selbst ist. Es spiegelt die Vielfalt und stückweise auch die Historie der Stadt wieder, zum Beispiel die altehrwürdige Einkaufszone von Spandau oder als Gegenstück dazu die völlig neue Shoppingwelt an der Eastside Gallery, die allerdings eher wie ein gelandetes Raumschiff daherkommt. Wichtig ist für mich immer die Frage: Wie fügt sich ein Shoppingcenter in seine Umgebung ein?

Wie kann sich der stationäre Einzelhandel gegen digitale Verkaufsmaschinen wie Amazon zur Wehr setzen?

Amazon & Co. sind nicht der Feind des stationären Einzelhandels. Dieses schwarz-weiß-Denken ist zu einfach. Es geht vielmehr um eine partnerschaftliche Verknüpfung der digitalen mit der realen Welt. Die Produkte müssen für die Kunden im Sinne des Omni-Channel-Ansatzes auf interaktive, aber auch emotionale, haptische Art und Weise greifbar und erlebbar gemacht werden. Letztendlich hat der stationäre Handel einen entscheidenden Vorteil: er ist haptisch und geht individuell auf die Kundenbedürfnisse ein, was der Online-Handel nicht leisten kann. Es geht um die Aufenthaltsqualität: die Kundschaft möchte sich vom Verkäufer fachlich gut beraten lassen und sich wertgeschätzt fühlen. Umfassende Serviceleistungen werden ohnehin erwartet. Beim Kaufen kommt es immer weniger auf Bedürfnisdeckung an, sondern Einkaufen ist ein wesentlicher Teil der Freizeitbeschäftigung, das muss der Einzelhandel verstehen.

Reicht das schon?

Natürlich nicht. Die Immobilienprojektentwickler und Shoppingcenterbetreiber müssen sich schon in der Planungsphase überlegen, wie sie sich in ihre Stadt einbringen – Stichwort Funktionsmischung, indem beispielsweise auch öffentliche Einrichtungen wie Bürgerbüro oder Kindertagesstätte in das Einkaufszentrum integriert werden und sie sich auch baulich der Stadt öffnen. Je besser die Shoppingcenter in der Stadt integriert sind, desto besser können sie vom Alltag der Menschen profitieren und umgekehrt. Sie müssen mit ihrem Angebot die gesamte Bevölkerungsgruppe ansprechen. Die Center müssen bzgl. Ihrer Zielgruppe und Angebote sozusagen breitbandfähiger sein.

Wie sieht für Sie das Einkaufszentrum der Zukunft aus?

Der stationäre Handel wird auf jeden Fall bleiben. Die Frage ist nur in welcher Form. Eine Variante: Die Kunden probieren ihre Kleidung im Showroom an und lässne sich die Ware dann direkt nach Hause liefern. Oder die Kunden schauen sich die Ware im Internet an und lassen sie im Geschäft reservieren. Das Smartphone ist dabei der wichtigste Einkaufshelfer. Darüber hinaus wird Shopping noch mehr zum Erlebnis: Zielgruppenspezifische Aktionen und Events in einer attraktiven städtebaulich-architektonischen Umgebung sowie eine attraktive Gastronomie machen den Marktplatz der Zukunft aus.

Warum Marktplatz und nicht Einkaufszentrum?

Ganz einfach: Das reine Shoppingcenter wird es meiner Ansicht nach in Zukunft nicht mehr geben. Schauen Sie nach Bordeaux, dort gibt es einen offenen Einkaufsbereich als Teil der Innenstadt und doch ist es ein Einkaufszentrum: Die Promenade Sainte-Catherine, die rund hundert Wohnungen, Büros und Ladenlokale zählt. Sie ist architektonisch und funktional so perfekt in die Stadt gebaut, dass Sie erst abends beim Schließen der Tore merken, dass Sie sich in einem Shoppingcenter befinden. Über allem steht wie bei meiner täglichen Arbeit immer die Frage: Wie kann aus planerischen Überlegungen der Einzelhandel räumlich so verteilt werden, dass er die Zentren fördert?

Zurück nach Berlin: Welche Shoppingcenter werden Ihrer Ansicht nach überleben?

Es überleben die Shoppingcenter in Top-1A-Lage, die sich organisch in bestehende Zentren einfügen und in den Alltag der Menschen etablieren. Ein Center auf der grünen Wiese ohne ÖPNV-Anschluss dürfte es zukünftig eher schwerer haben – gerade bei einer so hohen Shoppingcenter-Dichte wie sie Berlin aufweist.

Sie fliegen gleich zurück an die Schweizer Grenze. Wann wird der BER fertig sein?

Das weiß ich nicht, aber ich bin 57 Jahre alt und möchte vor Eintritt in meinen wohl verdienten Ruhestand am neuen Flughafen ein- und auschecken können.

Herzlichen Dank für das Gespräch und einen guten Flug!

Dr. Donato Acocella
Dr. Donato Acocella
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