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„Die Baubranche hat ein Nachwuchsproblem“

Interview mit Dr. Ralf Ruhnau, Präsident der Baukammer Berlin

Seit drei Jahren ist Dr. Ralf Ruhnau Präsident der Baukammer Berlin. Er begrüßt Projekte privater Investoren. Warum aber in Berlin noch viel zu wenig gebaut wird und was der passionierte Pferdeliebhaber gegen die Wohnungsnot unternimmt, hat er uns mit Weitblick auf die Hauptstadt verraten – genau genommen auf dem Dach der Mall of Berlin.

Herr Dr. Ruhnau, der Wohnungsnotstand und steigende Mietpreise sind das Top-Thema in Berlin. Der Senat will nun private Wohnungsgesellschaften enteignen und aus Steuergeldern einst billige Wohnungen teuer zurückkaufen. Ist dies der richtige Schritt?

Davon halte ich gar nichts. Der Verkauf von Immobilien durch den Senat Anfang 2000 war ein genauso großer Fehler wie der Abbau von Personal. Das spüren wir jetzt an allen Ecken und Enden. Wenn ich Wohnraum schaffen möchte, dann erreiche ich dies nicht durch den Rückkauf von Wohnungen und schon gar nicht durch Enteignung. Allein der Gedanke daran ist ein fatales Signal für den Wirtschaftsstandort Berlin. Wenn wir Wohnraum schaffen wollen, dann müssen wir Bauland bereitstellen, auf bislang weitgehend unbeachtete Flächen zugreifen: auf Bürogebäude, Parkhäuser, Supermärkte und fehlgenutzte Brachen. Hier sind kreativere Lösungen gefragt wie die besagte Aufstockung von Supermärkten oder die Bebauung von Parkplätzen. All diese Kreativität fehlt mir in der politischen Entscheidungslandschaft. Leider bewegt sich nichts, da nur Standpunkte postuliert werden. Das ist ein Dilemma.

Bausenatorin Katrin Lompscher hat die Verantwortung für die Genehmigung von Bauvorhaben an die Bezirksparlamente delegiert. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Ich sehe das zweischneidig. Wenn es sich um kleinere Bauvorhaben handelt, dann ist es sicherlich nicht schlecht, möglichst nah dran an den Projekten in den Bezirken zu sein. Aber wenn es um die Stadtplanung und damit um größere Projekte geht, dann muss der Senat die Hand draufhaben. Die Delegierung der Genehmigungsverfahren an die Bezirksparlamente hat den Senat zwar personell entlastet, aber das eigentliche Ziel, die Beschleunigung von Bauvorhaben, verfehlt. Alles ist sehr zähflüssig und müsste viel besser aufeinander abgestimmt und koordiniert werden.

Frau Lompscher hat mal gesagt, dass Berlin keine Vision benötige, da die Stadt fertig gebaut sei. Sehen Sie das genauso?

Das wundert mich. Eine Stadt ohne Vision funktioniert ganz einfach nicht. Visionen sind der Motor für alle zukünftigen Entwicklungen und gerade Berlin braucht dringend Visionen, denn den derzeitigen kleinteiligen Lösungsansätzen für unsere Wohn- und Infrastrukturprobleme fehlt eine nachhaltige Zukunftsperspektive.

Ihr Vorstandskollege Christian Müller hat die Vision, 20 Prozent der Berliner Kleingartenflächen zu bebauen. Ist das die Lösung für die gescheiterte Wohnungsbaupolitik des Senates?

Nein, das ist nicht die Lösung, das hat auch Herr Müller nicht gesagt. Die Bebauung von Grünflächen kann nur ein kleiner Teil der Gesamtlösung sein. Bevor wir uns mit den Kleingärtnern beschäftigen, sollten wir eine Reihe anderer Maßnahmen wie die Bebauung von Supermärkten und Parkhäusern angehen. Es ist schon interessant, wie solch ein rein sachlicher Beitrag meines Kollegen die Öffentlichkeit polarisiert und eine Diskussion anregt, aber das war durchaus gewollt. Und wenn es darum geht, preiswerte Wohnungen zu bauen und die Politik offensichtlich nicht in der Lage ist, anderweitig schnell Bauland bereitzustellen, dann kommt auch eine Randbebauung in Kleingärten infrage.

Hier auf dem Dach der Mall of Berlin haben wir ebenfalls Wohnungen errichtet. Wie kann der Bau neuer Wohnungen aus Ihrer Sicht weiter beschleunigt werden?

Das Thema Wohnungsbau begleitet mich während meiner gesamten Präsidentschaft und es tut sich einfach nichts. Nehmen Sie als Beispiel den Dachgeschossausbau, wodurch wir schnell viele Wohnungen bauen könnten. Dieses Vorhaben scheitert oftmals an der Überregulierung des Senats. So ist bei Dachaufstockungen eine Überschreitung der Geschossflächenzahl, die häufig auf vor Jahrzehnten erlassene Vorschriften zurückgeht, nicht zulässig. Darüber hinaus schreibt die Gesetzgebung für Dachgeschosswohnungen neben dem normalen Treppenhaus einen zweiten Rettungsweg vor. Dies treibt die Baukosten in die Höhe und schreckt Investoren ab. Die einfache kostengünstige Lösung des zweiten Rettungsweges durch Anleitern der Feuerwehr würde eine zielorientierte Abstimmung von Bausenatorin (zuständig für das Bauen), Innensenator (zuständig für die Feuerwehr), Verkehrssenatorin (zuständig für die Aufstellflächen der Feuerwehr) und Umweltsenatorin (zuständig für ggf. zu kürzende Baumkronen) erfordern – daran scheitert es. Der Senat muss sich gegenüber privaten Investoren viel kooperativer verhalten und die Lasten der Wohnungsnot auf die einzelnen Ressorts besser verteilen. Wenn die Ressorts sich untereinander besser abstimmen und zielgerichteter agieren, dann haben wir auch eine Chance auf ein schnelleres Bauen.

Ein weiteres Problem ist der Fachkräftemangel auf den Baustellen. Was unternehmen Sie dagegen?

Die Baubranche hat ein Nachwuchsproblem. Dieser Mangel ist nicht von heute auf morgen zu beheben. Hier ist auch ein gesellschaftlicher Wandel notwendig: der Stellenwert und das Ansehen der Ingenieure muss in Deutschland gepflegt und kommuniziert werden, insbesondere auch, um mehr junge Menschen für den Berufsstand zu interessieren. Daher gehen wir in die Schulen, an die Universitäten und auf Jobmessen, um qualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren. So veranstalten wir bundesweit Schüler- und Studentenwettbewerbe und bieten für den Ingenieurnachwuchs umfassende Fort- und Weiterbildungsangebote an. Auch sollte die öffentliche Hand vermehrt Ingenieure einstellen und diese auch nachhaltig bereit sein zu qualifizieren. Eine weitere wichtige Stellschraube ist dabei auch das Thema Vergütung. Die Honorare müssen angehoben werden, damit für gutes Geld auch gute Qualität geliefert wird. Auch dies ist für uns ein wichtiges Thema.

Rapide steigende Baukosten erschweren das Geschäft von Immobilien-Projektentwicklern, Investoren und Bauherren wie die HGHI. Geht die Preisspirale weiter nach oben und haben Sie dagegen eine Lösung parat?

Die Baukosten richten sich nach Angebot und Nachfrage. Ich gehe davon aus, dass das Ende der Preisspirale gerade in einer boomenden Metropole wie Berlin lange noch nicht erreicht ist. Was können wir dagegen machen? Die Zukunft liegt meines Erachtens im seriellen modularen Bauen. Ähnlich wie bei den Automobilbauern benötigen wir einen modularen Baukasten, Beispiel: Hersteller A produziert Holzfertigteile, Hersteller B die Betonfertigteile und Hersteller C die Stahlfertigteile. Alle Teile sind miteinander kombinierbar und werden in großen Serien produziert. So können die Baumaterialen, die Module schneller und zu deutlich günstigeren Preisen angeboten werden als es aktuell der Fall ist und die größere Vielfalt und Kombinationsmöglichkeit böten gleichzeitig den Architekten noch mehr kreativen Spielraum. Das wäre ein großer Einspareffekt für alle Beteiligten ohne Einbuße an Baukultur und Qualität.

Berlin hat inzwischen das Mietpreisniveau von Städten wie Köln und Hamburg erreicht. Als Folge zieht es immer mehr Hauptstädter an die Stadtgrenze, der Berliner Speckgürtel wird immer größer. Hält diese Entwicklung an?

Davon gehe ich aus und das sieht der Landesentwicklungsplan so auch vor. Unabhängig von der Frage, ob wir ausreichend preiswerten Wohnraum in der Stadt schaffen, um Wohnen und Arbeitsstätte nahe zusammen zu bringen, muss auch der Bedarf derjenigen gedeckt werden, die außerhalb der Stadt im Grünen wohnen wollen und längere Wege in Kauf nehmen. Beides muss eine gute Stadtplanung berücksichtigen; die Herausforderung dabei bleibt unser Infrastrukturproblem, die Schaffung eines leistungsfähigen attraktiven öffentlichen Nahverkehrs, bevor wir darüber nachdenken unseren Individualverkehr abzuschaffen.

Was muss denn eine ,gute‘ Stadt für Sie mitbringen?

Eine gute Stadt muss alle Bedürfnisse der Einwohner bedienen – von einer zentralen Lage und guter Verkehrsinfrastruktur über attraktive Freizeit- und Kulturprogramme bis hin zu vielseitigen Shopping- und Gastronomieangeboten.

Apropos Shopping: Die HGHI hat mit der Mall of Berlin und dem Schultheiss Quartier zwei Großprojekte in Berlin-Mitte umgesetzt. Aktuell steht mit der Fußgängerzone Gorkistraße in Tegel eines der bundesweit wenigen Refurbishments einer gesamten Einkaufsstraße an. Wie bewerten sie diese Projekte?

Ich finde es klasse, da diese Projekte zur Stadtentwicklung beitragen. Ob Mitte oder Tegel – HGHI macht mit diesen Projekten Berlin attraktiver. Als Reinickendorfer freue ich mich insbesondere auf die neue Fußgängerzone Gorkistraße.

Wo halten Sie sich in Berlin am liebsten auf?

Ich mag die Gegensätze, die Spannung zwischen alt und neu, den Gendarmenmarkt und das Pergamon-Museum. Das ist die historische Mitte Berlins, in der ich abends gerne verweile. Als Gegenstück dazu gefällt mir auch der Potsdamer Platz mit seinen Straßenschluchten sehr gut.

Ein Blick durch die Kristallkugel: Wie wird die Hauptstadt in 15 Jahren aussehen?

Ich glaube, dass sich in Berlin baulich nicht viel verändern wird. Hinsichtlich der Verkehrsinfrastruktur - Stichwort Öffentlicher Personennahverkehr - wird sich was tun müssen. Ich glaube aber auch, dass ein Großteil unseres Geschäftsverkehrs durch die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung, durch neue Arbeitsformen wie Videochat ersetzt wird und dadurch auch das Verkehrsaufkommen in der Hauptstadt entlasten wird.

Was unternehmen Sie, wenn Sie nichts für die Baukammer unternehmen?

Dann verbringe ich die Zeit bei meiner Familie in der Uckermark, wo ich mit meiner Frau einen Pferdehof bewirtschafte. Das ist eine schöne Abwechslung zum hektischen Großstadtleben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Ralf Ruhnau
Dr. Ralf Ruhnau
HGHI

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