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"Es fehlt Platz zum Leben"

Interview mit Chef-Stadtplaner Dipl.-Ing. Rainer Bohne

Sie kümmern sich um die Entwicklung einer Stadt und um ihre infrastrukturelle und räumliche Organisation: Stadtplaner. Sie sind wichtig und ihr Job bedeutend für unsere Gesellschaft. Im Gespräch mit HGHI News erklärt Rainer Bohne, Geschäftsführer der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL), was eine „gute“ Stadt ausmacht, was Berlin stadtplanerisch versäumt hat und warum Stadtplaner sich selbst als „Handlanger der Gentrifizierung“ bezeichnen.

Wie steht es stadtplanerisch um Berlin? Wurde hier gut geplant?

Im Grunde hat die Stadt eine lange Planungstradition. Ob hier gut geplant wurde, muss ich aber eher mit Nein beantworten. Insbesondere in den letzten Jahren wurde Berlin als wachsende Stadt mit allerlei Problemen im Wohnungsbedarf und in der Infrastruktur konfrontiert. Was fehlt, ist eine Idee, ein Leitbild, eine Vision oder, wenn Sie so wollen, eine Utopie wie sie es in anderen Städten gibt. In den letzten Jahren sind zwischen 200.000 und 250.000 Einwohner dazu gekommen und so wird es womöglich weitergehen. Also müssten sämtliche Planungen aus den 90er Jahren überarbeitet werden, Stichwort Flächennutzungsplan. Wir leben in einer Stadt, die nach wie vor das Motto zu vertreten scheint: „arm aber sexy“. Das mag der Touristen- und Kneipenkultur ganz gut tun, aber das, was die Leute wirklich brauchen, steht aktuell hinten an: Platz zum Leben.

Was müsste sich ändern?

Berlins Prioritäten müssen sich grundsätzlich verschieben. Es muss für eine wachsende Stadt geplant werden, das heißt, auch der Stadtrand und Brandenburg müssen in den Fokus rücken. Man könnte zum Beispiel Bernau viel mehr bebauen, überhaupt den Speckgürtel. Die S-Bahn fährt schließlich überall dorthin. Wachsende Städte haben Vor- und Nachteile. Jede Fläche und jeder Ort hat seine individuellen Eigentümlichkeiten, insofern müssen integrierte Planungen, die die Orte berücksichtigen, erfolgen.

Also sollten wir einen Umzug in den Speckgürtel in Betracht ziehen?

Ich halte es für sinnvoll, die Innenstadt mehr zu entlasten. Wenn alle im Zentrum wohnen und dort eine Wohnung nach der anderen entsteht, ein Grundstück nach dem anderen bebaut wird, was bleibt dann noch von der für eine Großstadt so wichtigen Infrastruktur? Schulen, Grünanlagen, Sportplätze – all das gehört genauso ins Stadtzentrum wie Wohnraum und Büros. Stadtplanung fokussiert sich schließlich zu gleichen Teilen mit den Räumen und den sozialen Aspekten einer Stadt. Das sogenannte Nachhaltigkeitsdreieck ist dabei die Grundlage: Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie hängen zusammen und müssen miteinander abgestimmt werden.

Was muss eine „gute“ Stadt mitbringen?

Das ist schwierig zu sagen. Große und kleine Städte können es gleichermaßen gut oder nicht so gut machen. Güstrow, als Beispiel, trägt den Titel „umweltgerechte Stadt“. Dafür müssen alle Ressorts zusammenarbeiten und das tun sie auch. Das Nachhaltigkeitsdreick wird hier auch in der Politik gelebt. Als Großstadt hat es zum Beispiel Hamburg geschafft, das Ideal der wachsenden Stadt zu realisieren, schon in den 90er Jahren fi ng es an. Heute haben wir die Hafencity, die IBA (Internationale Bauausstellung, Anm. d. Red.), die Wilhelmsburg entwickelte Areale, die lange Zeit wenig Beachtung erfuhren, heute aber das Stadtbild und die Stadt maßgeblich prägen.

Könnte man eine Top Drei der wichtigsten Faktoren benennen, die in einer Stadt nicht fehlen dürfen?

Wohnen, Arbeitsplätze und Infrastruktur – sowohl die soziale als auch die grüne. Diese drei Felder müssen gemeinsam bearbeitet werden, damit das Leben in einer Stadt eine gewisse Qualität hat. Notfalls muss man an dieser Stelle auch dem ein oder anderen Investor in die Tasche greifen, etwa beim Thema Umwelt oder Energie, um das große Ganze zu wahren.

Was ist ein „No go“ für eine Stadt?

In Berlin müssten die Dinge meines erachtens nach zügiger und direkter angegangen werden. Da stellt man plötzlich einen enormen Einwohnerzuwachs fest und Frau Lompscher (Bausenatorin, Anm. d. Red.) bekommt eins auf den Deckel, wenn sie nicht aus dem Stehgreif viele Wohnungen bauen lässt oder anbieten kann. Auf Teufel komm raus soll hier so schnell wie möglich Wohnraum entstehen, das ist der falsche Ansatz. Berlin braucht Planung und nicht nur Schnellschüsse. Dieses Versäumnis haben die Vorgänger der jetzigen Senatorin zu verantworten. Schließlich muss man auch mit Bürgerprotesten in diesem Zusammenhang umgehen können.

Was raten Sie?

Mittel- und langfristig planen. Das hat Berlin meiner Ansicht nach versäumt. In den 00er Jahren hätte man, anstatt sich zurückzulehnen, in die Zukunft blicken müssen, trotz Finanzkrise. Gerade in Zeiten der Krise muss man planen und heute sollte man zweigleisig fahren: So viel wie möglich bauen, aber die Zukunftsplanung endlich angehen.

Ist der Bezirk Berlin-Mitte stadtplanerisch anders zu bewerten als andere Bezirke?

Man muss zwischen dem Bezirk Mitte und dem Ortsteil Mitte unterscheiden. Grundsätzlich handelt es sich bei dem Ortsteil um die Stadtmitte, das Zentrum mit einer Funktion für die ganze Stadt: Hier sind das Rote Rathaus, das Regierungsviertel, die Museumsinsel, das Humboldt-Forum, das Kronprinzenpalais, die Uni und vieles mehr. Mitte ist unser Zentrum und die gesellschaftliche Mitte der Stadt. Dementsprechend ist der Ortsteil besonders bedeutsam für Berlin.

Wie sieht es mit Moabit aus?

Moabit als Ortsteil von Mitte ist völlig unterschiedlich. Das Gebiet zieht sich von Ost nach West. Den Osten verbindet man vor allem mit Alt-Moabit, der Turmstraße und auch der JVA und dem Gericht. Hier herrscht eine eher städtische Atmosphäre. Den Westen prägt eher das Industriegebiet. Aus Stadtplanungssicht könnte man die beiden Seiten von Moabit aber gut miteinander verbinden. So könnte man zum Beispiel die Trambahn durch die Turmstraße fahren lassen, vom Hauptbahnhof bis mindestens zur Arminiusmarkthalle, das würde den Autoverkehr dort deutlich entschleunigen. Aus der Turmstraße könnte eine schöne Flaniermeile werden, quasi ein Mini-Kurfürstendamm oder eine Mini-Torstraße. So etwas gibt es in dem Ortsteil und der Ecke der Stadt nämlich noch nicht bzw. nicht mehr.

Inwiefern beeinflussen Großprojekte wie das Schultheiss Quartier die Entwicklung einer Stadt?

Dem Ort hilft es, weil es einen gewissen Anziehungspunkt darstellt und das Ansehen und die Konnotation der Gegend ins Positive rückt. Die vergangenen Assoziationen waren leider der Knast oder das Kriminalgericht. Das Schultheiss Quartier bildet jetzt den Gegenpol dazu. Es hilft der Gegend und wertet sie enorm auf. Ein Problem bei jeder Aufwertung ist natürlich die Gentrifizierung, also höhere Mieten und ein schleichender Verdrängungsprozess.

Ist das nicht eine Gradwanderung zwischen dem Bedarf einer Stadt und dem Wunsch der Bewohner?

Selbstverständlich. Beidem gerecht zu werden, ist eine Herausforderung. Genau das macht unseren Beruf aus: Wir als Stadtplaner sollen die Bodennutzung verbessern und sinnvoll machen, also voll ausnutzen – allerdings ohne sie dabei auszureizen. Ein Stück weit sind wir also auch Handlanger der Gentrifizierung. Aber es gibt ja noch die Politik oder Instrumente wie das Quartiersmanagement, Erhaltungssatzungen usw., die in Teilen auch dafür zuständig sind, die Balance zu halten zwischen dem, was dem Stadtbild und der Entwicklung einer Stadt gut tut und dem, was die Menschen wollen: günstige Mieten, Kita-Plätze und Co.

Das Schultheiss Quartier verbindet alte Elemente mit Neugebautem. Wie finden Sie das?

Wirklich sehr gut, so sollte es sein. Der möglichst weitgehende Erhalt alter Bausubstanz ist aus baukultureller Sichtweise sehr sinnvoll. Er dient der Identitätsstiftung, Menschen erkennen etwas wieder, sehen es gern wieder und verbinden damit Erinnerungen, über Generationen hinweg. Ein Neubau bietet das nicht. Es ist gut, dass das Schultheiss Quartier seine Form und Art behält.

Was kann der Bürger für das Stadtbild tun?

Ein Stadtbewohner hat natürlich immer die Möglichkeit, sich politisch oder stadtplanerisch zu engagieren, durch Initiativen oder Bewegungen. Das geht im Kleinen und im Großen. Was natürlich immer schön für das Bild einer Stadt ist, sind begrünte Baumscheiben oder auch Guerilla Knitting (bunt bestrickte Laternenpfähle oder Ampeln, Anm. d. Red.). Da kann jeder Berliner mitmachen und tut der Stadt im Kleinen etwas Gutes. Den Rest übernehmen die Politik, die Verwaltung und auch wir Stadtplaner, denn unsere Aufgabe ist es, das Soziale „mitzudenken“, das machen nicht die Architekten. Alles, was wir planen, hat Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Dipl.-Ing. Rainer Bohne
Dipl.-Ing. Rainer Bohne, Leiter der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL)

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